Burg Scharzfels

06.02.2020

Der Scharzfels ist wieder auferstanden!
Vortrag von  Dipl.-Geol. Firouz Vladi   am 10. Februar 2020 im Stadtmuseum Bad Gandersheim.
Die Arbeitsgemeinschaft Burgruine Scharzfels und der Förderverein Deutsches Gipsmuseum und Karstwanderweg e.V. im Kreis Göttingen haben sich, gefördert durch Mittel aus dem LEADER-Programm und mit Unterstützung der Stadt Bad Lauterberg und des Landkreises Göttingen, um den „Wiederaufbau“ gekümmert. Im Juni 2018 konnte das Werk vorgestellt und unter www.scharzfels.info veröffentlicht werden.
Die Burg war erst reichsunmittelbar, dann welfisches Lehen. Sie war Stammsitz einer vom Kaiser eingerichteten Grafschaft, hatte Verwaltungsfunktion für einen größeren Raum als – modern gesprochen – Verwaltung eines Großkreises, als Finanzamt, als Staatsgefängnis, als Zollerhebungsstelle und als militärische Bastion in der Südostecke des späteren Kurfürstentums Hannover. Mit dieser Bedeutung für die Territorialgeschichte der Region war sie mit den Mitteln der modernen Präsentation vor Ort und ubiquitär erlebbar zu machen: als Bildungsinstrument und zur touristischen Förderung.
Die Fa. archaeologica in Seevetal bei Hamburg hat graphisch, besonders auch inhaltlich, hervorragende Arbeit geleistet. Aufgrund zahlreicher Bauzeichnungen aus der 1. Hälfte des 18. Jh. konnte die Burg dreidimensional virtuell rekonstruiert und auf PC, Tablet und Smartphone allseitig verfügbar gemacht werden. Die inhaltliche Zuarbeit erfolgte durch ein Redaktionsteam aus Mitgliedern der ArGe Burgruine und weiteren Fachleuten. Typische Fragen waren z.B. die Dacheindeckung: Schiefer oder rote Pfannen, die Gestaltung der Fensterlaibungen oder des Fachwerks.
Mithilfe des an der Schlossgaststätte angebrachten QR-Codes kann der Gast oder Wanderer diese Rekonstruktion auf seinem Smartphone oder Tablet öffnen, wobei sich die ca. 8-minütige vertonte Videofahrt über die historische Burganlage, angereichert mit punktuellen Informationen zur Geschichte, Ereignissen, Personen, besonders empfiehlt: www.scharzfels.info/mobile/infovideo.html.
Mit der virtuellen Rekonstruktion soll ein weiterer Raum der Regionalgeschichte in der Südostecke des ehem. Kurfürstentums Hannover abgedeckt werden mit u.a. einem Schwerpunkt auf der Situation des Südharzes im Siebenjährigen Krieg (1756-63). Göttingen war französische Garnisonsstadt, die Königshütte Bad Lauterberg war ins Kriegsgeschehen eingebunden. Wie an vielen Beispielen in Europa wird auch hier Geschichte interaktiv erlebbar, denn das Eintauchen in vergangene Welten und insbes. in das Mittelalter ist derzeit geradezu „in“!
Die Museumsfreunde freuen sich auf diesen spannenden Vortrag am kommenden Montag, den 10. Februar 2020 im 19.30 Uhr im Biedermeierzimmer des Museums. Alle Gandersheimer und ihre Gäste sind herzlich eingeladen. 

Der Eintritt ist wie immer frei.

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Pressebericht::


Der Scharzfels im Südharz wurde lebendig
Vortrag von Dipl.-Ing Vlady im Museum
Nun, so etwas hatten die Besucher im Stadtmuseum noch nicht erlebt,  konnten sie doch bei Besuchen im Südharz dort vielleicht eine Burgruine finden, jetzt aber staunten sie nicht schlecht über eine Burg wie neu. Sie trauten ihren Augen nicht, denn was Ihnen der diplomierte Geologe aus Osterode vorstellte, war eine Burg im Topzustand. Wie das? 

Dipl._Ing. VladyDoch der Reihe nach. Dipl.-Ing. Vlady ist ein begeisterter Liebhaber der Landschaft und Geschichte des Südharzes. Auf seinen Wanderungen im Karstgebiet zwischen Osterode und dem Ostharz lernte er viele Burgen dort kennen und erforschte deren Geschichte. So auch die Historie der Burg Scharzfels bei Bad Lauterberg. Hier findet der Besucher heute nur Ruinen und Trümmer vor und kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie die Burg einst ausgesehen hat. Dies wollte Vlady und sein rühriger Verein ändern. So beschloss man – wir sind im Zeitalter des Computers - die Burg virtuell wieder herzustellen. Man ging dabei durchaus wissenschaftlich vor, durchforstete die historischen Unterlagen, sogar Grabungen vor Ort waren notwendig, um möglichst viele Details herauszufinden. Dann konnte man mit Hilfe von Spezialisten ans Werk gehen. Doch davon später.  Zunächst wurden die Zuhörer im Stadtmuseum mit der Geschichte vom Scharzfels vertraut gemacht. Sie, die ehemalige Burg, liegt oder besser gesagt sie lag über dem Tal der Oder auf einem hohen Dolomitfelsen östlich des Ortes Scharzfeld bei Herzberg. Im Mittelalter war sie aber eine stattliche Anlage, wie wir noch sehen werden. Der Referent konnte in einer lockeren Art und Weise mit stetigen Bezügen auf die Gegenwart den Lauf der Geschichte rund um die heutige Ruine darlegen, so dass sich schon hier in den Köpfen der Zuhörerschaft ein plastisches Bild von der Burg abzuzeichnen begann.  Der Scharzfels galt im Mittelalter als uneinnehmbar und war hoch gesichert. Er  war lange Zeit der Mittelpunkt der Grafschaft gleichen Namens. Von Kaiser Barbarossa wurde das Gebiet als Reichslehen an Heinrich den Löwen vergeben. Später übergab Kaiser Lothar die Reichsfeste nach dem Erlöschen des Grafengeschlechtes an die Grubenhagener Welfen. Seit diesem Zeitpunkt sind die Welfen im Besitz der Burg, heute in der Hannoverschen Linie. Viele Sagen ranken sich um die Anlage, die als Verwaltungssitz einige Berühmtheit erlangte. Aber auch als Staatsgefängnis musste sie dienen, um unliebsame Kritiker der Herrschaft wegzusperren oder gar zu eliminieren. Hier sah der Referent einige Parallelen zur heutigen Zeit. Es fielen Namen wie der ermordete Graf von Königsmarck, Eleonore von Knesebeck oder die unglückliche Prinzessin von Ahlden, die alle in die Geschichte der Burg verstrickt waren .Eleonore gelang dabei eine spektakuläre Flucht vom hohen Burgfelsen mit Hilfe eines bestochenen Dachdeckers. Sie konnte sich dann ins Braunschweigische retten und war vor den Hannoverschen sicher. Auch später erlangte der Scharzfels nach weiteren Umbauten traurige Berühmtheit als  Gefängnis. Im Siebenjährigen Krieg wurde der Scharzfels dann 1761 durch französische Truppen nach intensiver Beschießung erobert, wobei auch Verrat dies ermöglichte. Die Franzosen zerstörten die Burg so gründlich, dass sie sogar die Fundamente anbohrten, um diese danach sprengen zu können. Seither ist der Scharzfels eine Ruine. In einer kleinen Gastwirtschaft am Fuß der Ruine wird der langen Geschichte gedacht. Der Referent muss dort oben oft gewesen sein, denn er lobte die Küche des Hauses sehr. Auf Initiative  einer Arbeitsgemeinschaft entstand eine digitale Rekonstruktion der Burg im Zustand von etwa 1700. Die Zuhörer im Museum konnten zum Schluss den etwa 10-minütigen Videofilm als Drohnenflug betrachten und das Gehörte nun auch visuell erleben. Dies alles war nur möglich durch die Auswertung von historischen Konstruktionsplänen, die ansonsten fast einmalig für Burgen dieser Art sind. Die Kosten dieser Arbeit betrugen knapp 20 000 Euro. Langer Beifall belohnte den Vortragenden, der durch die Museumsfreunde ein kleines Präsent überreicht bekam. Er versprach überdies, für einen weiteren Vortrag wieder zu kommen. Abschließend machten die Museumsfreunde auf den nächsten Vortrag am Montag den 09. März 2020 aufmerksam. Dann wird Herr Hillegeist aus Bad Lauterberg die Königshütte vorstellen, die größte Hütte des Königreichs Hannover.

Alle Gandersheimer und ihre Gäste sind bei freiem Eintritt herzlich eingeladen. Weitere Informationen sind auf dieser Web-Seite des nachzulesen.

 

 

Foto: Rekonstuktion des Scharzfels