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Roswitha von Gandersheim - erste Historikerin Deutschlands

04.04.2019


Die Braunschweigische Klosterlandschaft und ihre erste »Historikerin«
Hrotsvit von Gandersheim und die Identitätsstiftung durch die Geschichte

Die Museumsfreunde Bad Gandersheim konnten Herrn Professor Dr. h.c. Gerd Biegel vom Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte und Geschichtsvermittlung, TU Braunschweig, gewinnen den Vortragabend  im April 2019 zu gestalten. Er wird über ein Thema mit starkem regionalem Bezug referieren.  Ein Blick auf die Geschichte des »Braunschweiger Landes« seit dem Mittelalter zeigt, dass diese stark geprägt war durch Klöster und Stifte, die in vielfältiger Weise die Entwicklung des Landes mitbestimmt und beeinflusst haben. So gab es – trotz der Zerrissenheit des Landes – keinen wichtigen Landesteil ohne klösterliche Einrichtung, weshalb man auch den Begriff einer »Klosterlandschaft« wählen kann, um die grundsätzliche Bedeutung der Klöster für die Landesentwicklung deutlich zu machen. Weitaus mehr, als heute noch allgemein bewusst, waren Klöster und Stifte über Jahrhunderte wirkungsmächtige Faktoren auch und gerade der Lokal- und Regionalgeschichte, und zwar mit unterschiedlicher Bedeutung in wechselnden Funktionen. Sie waren in der Geschichte stets zentrale Orte nicht nur des geistlichen Lebens einer Region, sondern ebenso wichtige Zentren des kulturellen, ökonomischen und sozialen Alltags sowie wichtige Bildungszentren mit regionsüberschreitender Ausstrahlung, denn »zugleich waren Nonnen und Mönche Mitglieder länderübergreifender Netzwerke«.
In diesem Kontext zählt das Gandersheimer Kanonissenstift seit seiner Gründung zu den wichtigsten Institutionen im Braunschweiger Land, insbesondere als geistliches und kulturelles Zentrum. Das reichsunmittelbare Stift Gandersheim stand dabei an erster Stelle in der Frühzeit des späteren Braunschweiger Landes. Es entwickelte sich zu einer Bildungsstätte von höchstem Rang. Dafür steht beispielhaft Hrotsvit von Gandersheim, die als Kanonissin im Stift Gandersheim ihr Lebensumfeld hatte, aber weit darüber hinaus Wirkung erzielte. Sie gilt als erste deutsche Dichterin, auch wenn sie der Zeit entsprechend ihre Werke in lateinischer Sprache verfasst hat. Sie war umfassend gebildet und schrieb zahlreiche Werke, zu denen nicht nur geistliche Dichtung zählten, sondern vor allem zwei historische Schriften in Gedichtform: Die »Gesta Ottonis« (Taten Ottos) und die »Primordia oenobii Gandeshemensis« (Anfänge des Stiftes Gandersheim). Sie erweist sich damit nicht nur als erste deutsche Dichterin, sondern ebenso als erste deutsche »Historikerin«, eine Rolle, bei der die Frage gestellt werden muss, welches Ziel sie mit ihren historischen Schriften verfolgt hat.
Zu diesem interessanten Vortrag laden die Museumsfreunde am Montag 8, April 2019  um 19.30 Uhr ins städtische Museum bei freiem Eintritt alle Gäste und Bürger der Stadt herzlich ein.

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Pressebericht d. Gandersheimer Kreisblattes:

Hrotsvit von Gandersheim
neu interpretiert von Prof. Gerd Biegel, 
Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte.

Prof. Biegel Wieder einmal konnten die Museumsfreunde aus Bad Gandersheim ein geistiges Schwergewicht für eine Veranstaltung im Stadtmuseum gewinnen. Prof. Dr. Gerd Biegel, seines Zeichens Leiter  des Instituts für Braunschweigische Regionalgeschichte an der TU Braunschweig, war gekommen, um über Hrotsvit von Gandersheim hier am authentischen Ort zu berichten, nein, nicht nur zu berichten, es erfolgte eine in großen Teilen neue Interpretation der mittelalterlichen Kanonisse, ihres  Wirkens und  Lebens im seinerzeitigen geistlichen und geistigen Zentrum des ostfränkischen Reiches, eben in Gandersheim, wo Roswitha, wie die moderne Bezeichnung lautet, im Freien Reichsstift als Kanonisse lebte und wirkte. Prof. Biegel war sparsam beim Vorführen von Bildern während seiner Ausführungen, umso mehr drang seine Stimme bis in die letzten Reihen des bis zum Bersten vollen Biedermeierzimmers. Die Gäste hingen förmlich an den Lippen des Historikers, der die Gestalt der Hrotsvit deutlich herausarbeitete und in die Lebenswelt der Zeit der sächsischen Könige und Kaiser, allen voran Kaiser Otto I. projizierte. Insbesondere die hohe Bildung der Stiftsdame war immer wieder Mittelpunkt der Ausführungen. Die Lebensdaten der herausragenden mittelalterlichen Persönlichkeit waren hier nur Randbemerkungen. Geboren 935, ist ihr Todesdatum unbekannt. Die Forschung weiß nur, dass sie irgendwann keine Zeugnisse und Werke mehr hinterlassen hat. Doch sie kann durchaus die Jahrtausendwende noch erreicht haben. Wir wissen es nicht. Ihre Äbtissin Gerberga, Roswithas Mentorin und Erzieherin, war es, die der Kanonisse immer wieder die damaligen Schätze der Wissenschaft und Literatur zugänglich machte, so dass sie zu einer der gebildetsten Frauen ihrer Zeit wurde. Ihre zahlreichen Studien und Werke wären ohne die Schriften der berühmten Klöster des damaligen Europa, allen voran dem Kloster St. Gallen, nicht möglich gewesen. Gerberga konnte dank ihrer guten Beziehungen zu den geistlichen Mittelpunkten ihrer Zeit  der Kanonisse diese Quellen zugänglich machen. Ohne diese Studien wären große Teile ihrer Werke nicht denkbar. Gleichzeitig hatte die Strahlkraft  der Wirkungsstätte  Roswithas immense Auswirkungen auf die klösterliche Landschaft  Sachsens wie Magdeburg, Nordhausen und andere. Damit stellte Biegel Roswitha besonders als Frau in der damaligen Männerwelt als einzigartig heraus, wo sonst nur Namen wie Widukind von Corvey oder Thietmar von Merseburg Klang hatten. Hrotsvit, die eine besondere Beziehung zu Kaiser Otto I. erfuhr, widmete diesem Herrscher von europäischem Rang, der als erster aus dem langen Schatten Karls des Großen heraustrat und zum pater patriae aufstieg, ihr historisches Werk Gesta Ottonis, die Werke bzw. Taten Ottos. Der Brunnen auf der Bad Gandersheimer Stiftsfreiheit zeigt, wie Roswitha dem Kaiser ihr Werk überreicht. So bezeichnete Biegel Roswitha mit Recht als Historikerin von europäischem Zuschnitt. Sie stellte in ihren Werken die sächsische, nationale Welt dem bislang vorherrschendem lateinisch-italienischen Bildungsideal entgegen. Eine Deutung, die bislang dieser Stiftsdame nicht zukam. Sie gehörte damals zweifelsfrei zur „Ottonischen Renaissance“. Biegel zitierte mehrfach aus verschieden ihrer Werke, so auch aus der Auseinandersetzung mit den Schriften des römischen Dichters Terenz, dem sie ihre klösterliche Auffassung von besonderer Frömmigkeit und Gottesverehrung augustinischer Prägung entgegen setzte. Auch in dieser literarischen Auseinandersetzung bewies sie ihren hohen Bildungsgrad. Prof. Biegel arbeitete klar heraus, wie Roswitha in jener Zeit in dem braunschweigisch-sächsischen Raum im Zentrum des damaligen ostfränkischen Reiches wirkte, mit Gandersheim als geistlichem und geistigen Mittelpunkt der Reichspolitik der sächsischen Könige und Kaiser. So mahnte Roswitha die Herrschenden immer wieder im politischen Sinn, nämlich über der Reichspolitik im fernen Reichsteil Italien das Zentrum, den Ursprung, die Heimat in Sachsen, nicht zu vernachlässigen. Eine Mahnung, die noch Jahrhunderte später unter den Saliern und Staufern ihre Berechtigung nicht verloren hatte. Sparsam eingestreute Bilder mittelalterlicher Darstellungen mit allegorischer Tiefe unterstrichen die spannenden, wissenschaftlichen, deutungsvollen  Ausführungen des Historikers aus Braunschweig, der keinen Hehl aus seiner tiefen Verbindung und Affinität zu Gandersheim und seiner Geschichte machte. Nicht zuletzt die Aufnahme Roswithas in die deutsche „hall of fame“, die Walhalla, zeigt in besonderer Weise die heraus gehobene Stellung dieser Frau, sind denn auch nur ein Dutzend Frauen unter den fast 200 Berühmtheiten deutscher bzw. germanischer Zunge hier vertreten.
Lang anhaltender Beifall aus dem Publikum zeigte, wie sehr der lange Vortrag die Zuhörer gefesselt hatte. Museumsfreund Harm Smidt dankte dem Referenten und überreichte dem Historiker Biegel ein Buch der Gandersheimer Geschichtswerkstatt, gleichsam von Hobbyhistorikern dem berühmten Vorbild aus Braunschweig. Der nächste Vortrag findet am 13. Mai statt.

 

 

Foto: Roswitha von Gandersheim